Etwa 95 Prozent der Betriebe in Deutschland werden als Familienunternehmen geführt. Trotz großer Unterschiede haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie müssen eine Organisationsstruktur finden, die zu den Besonderheiten der jeweiligen Familie und zum Unternehmen passt. Alle unternehmerischen Entscheidungen wiederum werden auf familiäre Belange und umgekehrt ausgerichtet. Intensive Rückkoppelungseffekte sind unvermeidlich. In Familien dominiert die Logik von Liebe.In Unternehmen basiert sie auf Gewinn und Verlust.
Berater müssen diesen unterschiedlichen Systemanforderungen genügen. Trivialisierende Beratungsansätze und Worthülsen stoßen in Familienunternehmen sehr schnell an Grenzen. 
Berater stellen Kommunikationsformate zur Verfügung, in denen die Beteiligten ihre Themen erörtern, neue Lösungen entwickeln und die Expertise des Beraters sinnvoll für sich einsetzen können.

„Mein Berufsweg hat es mir ermöglicht, viele Jahre Familienunternehmen und Unternehmerfamilien in ihren Besonderheiten professionell zu beraten. Tragfähige Lösungen bedeuten hier immer, beiden Systemen gerecht zu werden.“ (Walter Schwertl, S. 148 Kommunikative Kompetenz, Springer 2016)

…aus der Praxis – vier Generationen Familienbesitz: Unternehmen Gold Group1

Gold Group ist eine Holding von vier kleineren Unternehmen. Die Inhaber, ein Ehepaar, beide deutlich über sechzig, haben zwei Kinder. Albert Gold ist der geschäftsführende Haupteigentümer. Heinrich, der älteste Sohn, ist der designierte Nachfolger. Die Tochter Leonora ist promovierte Germanistin. Das organisch gewachsene Firmenkonglomerat  und der Werkstoff Farbe sind das verbindende Element.  

Heinrich sollte für die Nachfolge unterstützt werden. Er sei fleißig, aber noch kein richtiger Chef. Die Beratung  gestaltete sich anfangs schwierig. Es war eine Art freundliches Chaos. Wir legten einen Plan vor, der eine Neuordnung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten vorsah. Genau dies gelang nicht. Kleinste Erfolge eliminierten sich selbst.

Der letzte Versuch war eine deutliche  strukturelle Veränderung: Die Familie sollte einen Familien-Aufsichtsrat (FAR) bilden. Die Aufgabe der Berater bestand darin, Hilfestellung für ein Regelwerk des FAR zur Abstimmung vorzulegen. Die Interaktionen zwischen Familie und Unternehmen wurden neu geordnet.  
Familiäre Themen wurden jetzt außerhalb des Unternehmens  besprochen. Heinrich wurde zum Geschäftsführer bestellt. Eine komplette Reorganisation der Verwaltung ließ nicht lange auf sich warten. Als dem Unternehmen ein hoher Millionenauftrag winkte, aber Gold Senior nicht erreichbar war, handelte umgehend Gold Junior in seiner Funktion als Geschäftsführer und finalisierte den Auftrag.

Aus dem Kommunikationsformat FAR wurden alle notwendigen Veränderungen entwickelt. Der Aufsichtsrat und die Familie tagten an verschiedenen Orten und erörterten unterschiedliche Themen. Der Generationswechsel mit der nötigen wirtschaftlichen Sanierung konnte erfolgreich abgeschlossen werden. Die Familie Gold zeigte sich im Abschlussgespräch mit der Entwicklung sehr zufrieden. 

„Mit den Fähigkeiten und nicht gegen die Widerstände zu operieren, ist die erste Option. Aber es gibt keine Sicherheit, dass diese Lösung in einem anderen Beratungsfall hilfreich wäre.“

  1. Gekürzter Beitrag aus: Coaching Magazin I/2015, S.28
    Walter Schwertl – Beratung und Coaching von Familienunternehmen ↩︎